Mehlemer Bach – Warten auf den Wiederaufbau

15 Jan 2011
Erstellt von IB Namotec

Hochwasserschutzkonzept Mehlemer Bach / Nordrhein Westfalen

Am 3. Juli 2010 führte ein außergewöhnliches Starkregenereignis zu sturzflutartigen Überschwemmungen am Mehlemer Bach bei Bonn. Sehr hohe Niederschlagsintensitäten über 100 mm (→100 l/m²) innerhalb von drei Stunden führten zu einer Hochwasserwelle mit großer Schadwirkung. Typisch für ein regional eng begrenztes Einzugsgebiet sind die quasi nicht vorhandenen Vorwarnzeiten für die Anlieger, die von der Sturzflut getroffen wurden. Entsprechend schockiert wird solche Naturgewalt von den Bürgern wahrgenommen.

Ein anderes Großereignis des Tages war die TV-Übertragung von der Flußballweltmeisterschaft vom Spiel Argentinien gegen Deutschland. Annährend zeitgleich mit dem Schadensfall, der enorme finanzielle Belastungen durch Hochwasserschäden zur Folge hatte, kostete eine Werbeminute im ZDF zur Spielpause ähnlich viel. Wie sagt doch der Rheinländer: Wat den een sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall.

Deutschlandweit betrachtet ereignen sich Hochwasserereignisse mit solch starken Auswirkungen innerhalb eines lokal begrenzten Gebietes statistisch annährend jeden Tag. Dennoch finden solche Sturzfluten kaum Beachtung in der Öffentlichkeit. Üblicherweise ist die öffentliche Wahrnehmung in der überregionalen Presse auf Hochwasserereignisse auf große Flüsse wie Donau, Rhein, Elbe, Oder oder Main und Mosel beschränkt. Dabei sind die aufsummierten Schäden ebenbürtig mit den Großschadensereignissen. Auch macht es für die Betroffenen keinen Unterschied, ob ein Wohnzimmer durch ein Rhein-Hochwasser oder durch eine Flut aus dem Mehlemer Bach zerstört wird. Wer es mit eindringenden Fluten zu tun bekommt, der wird ein solches Naturereignis nicht ohne Weiteres vergessen.

Das Internet bietet als globales Medium eine Plattform, um von Zeitzeugen und Beteiligten umfangreiche Berichte und persönliche Eindrücke von den Ereignissen zu dokumentieren. Hier werden wichtige Zusatzinformationen zum Hochwasser und auch der Aufarbeitung im Umgang mit den zuweilen schmerzhaft gemachten Erfahrungen zum Ausdruck gebracht. Auch beratende Ingenieure analysieren zunehmend solche Hintergrundinformationen, die durch das Web zugänglich sind. Einzelaspekte können durchaus Einfluss auf die Prüfung hydraulischer Untersuchungen und auf die Bewertung von Hochwasserrisikomanagementplänen nehmen.

Ein solcher Einzelaspekt ist das Auslaufbauwerk des Mehlemer Bachs in den Rhein, das durch den Druckabfluss auf den letzten Metern vollständig zerstört wurde. Die freigelegte Strömung führte zu massiven Erosionen in der Rheinufer Promenade und zur Unterbrechung des Uferweges. Die fortschreitende Erosion der Uferbefestigung drohte auch die nahegelegenen Gründerzeithäuser in Mitleidenschaft zu ziehen, was durch nachlassende Fluten und/oder gezielte Sicherungsmaßnahmen der Katastrophenhelfer verhindert wurde.

Der Wunsch, nach dem Hochwasser die Schäden möglichst schnell zu beheben und zerstörte Bauwerke zu ersetzen, ist gut nachvollziehbar. Aus planerischer Sicht stellt sich dennoch die Frage der effizienten Schadensbehebung, wie weit Einzelschritte zur Revision besser abzustimmen sind. Aus dem laufenden wasserwirtschaftlichen Planungsverfahren der lokalen Behörden geht hervor, dass die hydrologischen und hydraulischen Untersuchungen für das Einzugsgebiet des Mehlemer Bachs erneut aufgenommen wurden. Demnach wurde die Bemessung des Auslaufbauwerkes nach alten, bestehenden Planungsgrößen konzipiert, ohne die Ergebnisse des für Sommer 2011 erwarteten Abschluss der Untersuchung abzuwarten. Der aktuelle Bauzustand (Januar 2011) verharrt auf unbestimmte Zeit, da nach einem Hinweisschild die Fertigstellung durch zu hohe Wasserstände im Rhein behindert wird. Vielleicht wird der Rhein bis in den späten Sommer Hochwasser führen. Dann lassen sich auch Erkenntnisse aus dem laufenden Planungsverfahren möglicherweise noch in die Bauausführung integrieren. Ob das der Fall sein wird, lässt sich nur durch ein unabhängiges Prüfverfahren klären. Doch der Rheinwanderer, der die Promenade auch über den Mehlemer Bach nutzen möchte, müsste sich noch lange gedulden. Und das Flussballspiel ging bekanntlich 0 : 4 für Deutschland aus.


 

Quellen:

Öffentliche Untersuchungen: vom 28.7.2010

Öffentliche Ausschreibungen: vom 8.11.2010, 20.11.2010

General Anzeiger Bonn: mit Meldungen zu Mehlemer Bach

Kölnische Rundschau: vom 8.7.2010

Gemeinde Wachtberg-Berkum: vom 8.7.2010, 8.9.2010, 10.11.2010 und 21.01.2011

Technisches Hilfswerk: vom 5.7.2010

Zweites Deutsches Fernsehn: vom 8.12.2009

Persönlicher Bericht: vom 3.7.2010, 21.06.2013

Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe: Pressemitteilung vom 3.5.2011

Google Video: 

 

Nachtrag zum Hochwasserschutz am Mehlemer Bach vom 10.06.2011:

Ein weiteres Unwetter über Bonn sorgte am Sonntag, dem 7. Juni 2011 mit schweren Regenfluten für die Nagelprobe der runderneuerten Bauwerke am Mehlemer Bach (GA 07.06.2011). Also fast ein Jahr nach der Sturzflut vom 3. Juli 2010 wurden die Anwohner des Bachs erneut einem Stresstest unterzogen. Eine erste Bilanz zeigt, dass die Anstrengungen zum Hochwasserschutz lohnen. Auch wenn nicht alle Vorhaben zum Schutz der Anrainer umgesetzt sind, so wird deutlich, dass auch kleine Gewässer einer stetigen Pflege bedürfen. Dass die Bürger dieses beherzigen, zeigt die Schar der beharrlichen Aktivisten auf verschiedensten Plattformen (GA 7.5.2011).

Hochwasserinformationen der Stadt Bonn: www.bonn.de@hochwasser